Dienstag, 27. Juni 2017

"Jetzt oder nie, mann! Mein wirklich allerletzter Versuch mit der großen Liebe!"

Liebe Ladies,

es gibt Momente im Leben, da muss frau ganz tief durchatmen. Zum Beispiel, wenn die Tante einem zum dritten Jahr in Folge ein Diät-Buch schenkt. Oder wenn diese eine Handtasche plötzlich in der Lieblingsfarbe ausverkauft ist. Oder wenn Tom, der Mann, vor dem ich meine schlechten Eigenschaften so lange wie nur irgendwie möglich verbergen wollte, einen gemeinsamen Wochenend-Trip vorschlägt.

Versteht mich nicht falsch. Prinzipiell habe ich überhaupt nichts gegen ein romantisches Wochenende. Im Gegenteil – ich liebe diese riesigen Hotelbetten mit den hunderten von kuschelweichen Kissen, in die man zusammen ganz tief hineinsinken kann. Eine sanfte Massage, eine heiße Sauna, einen kühlen Pool und einen kühlen Drink mit anschließendem Candle Light Dinner: Wenn ich daran denke, wird mir ganz warm ums Herz.

Es ist nur so, dass Tom da an ein ganz anderes Wochenende denkt. Er denkt an einen Hochseilgarten mit Übernachtung im Baumhaus. Er denkt an sportliches Klettern, an schwingende Seile und an wacklige Holzleitern, die mit kuscheligen Kissen ungefähr so viel zu tun haben wie ich mit Schwindelfreiheit. „Wie Tarzan und Jane!“, lacht er mit glühenden Wangen.

Für Tarzan ist die ganze Sache sicher lustig. Er ist schließlich derjenige, der als muskelbepackter Adonis lässig an einem Arm durch den Dschungel schwingt. Jane ist in erster Linie damit beschäftigt, unbeholfen ihren Rock aus den Büschen zu zerren. Aber die Mischung aus dem dringenden Bedürfnis, keine Spaßbremse zu sein und der Vorfreude auf Tarzans starke Brust, hat mich schließlich zustimmen lassen.

Es ist ja auch so: Ich werde an dem Wochenende meine Grenzen überwinden. Ich werde Abenteuer erleben, mich Herausforderungen stellen. Das kenne ich, ich war schließlich oft genug shoppen. Wie oft habe ich da schon meine Budget-Grenzen überwunden?  Wie viele Abenteuer habe ich auf Schnäppchen-Jagd erlebt? In wie vielen Umkleidekabinen habe ich mich so einigen Herausforderungen gestellt? Ein Shopping-Tag ist eben auch Stress. Er bedeutet schmerzende Füße, Frustration, trockene Kaufhausluft. Und eines ist klar: Wenn ich gestresst bin, ist es völlig unmöglich, meine schlechten Eigenschaften zu verbergen.

Ich stelle Tom also auf die ultimative Probe. Ich zeige ihm mein durchgeschwitztes Ich, das Gesicht angstverzerrt, einen gelben Sturzhelm auf dem Kopf (und ich meine nicht die Art von Gelb, die meinen Teint so strahlen lässt) und ein Sicherungsgeschirr zur Betonung der denkbar unvorteilhaftesten Stellen um die Hüfte geschnallt. Wenn er es fertig bringt, dieser Version von mir glaubhaft zu versichern, dass er sie attraktiv und begehrenswert findet, dann soll es wohl so sein.

Ich sitze also vor meinem gepackten Koffer und atme tief durch. Vielleicht bringt all der Stress mich also wirklich weiter. So wie neulich, als ich nach langer Suche gerade noch rechtzeitig das perfekte Sommerkleid gefunden habe. Apropos: Natürlich habe ich mir ein passendes Fitness-Outfit zugelegt. Es kann ja wohl nicht schaden, dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge zu helfen, oder?

Eure,

Miss Envy