Montag, 30. Oktober 2017

"Happy Birthday. Oje, ich bin schon wieder ein Jahr älter."

Liebe Ladies,

dass ich verzweifelt in einem Haufen Kleider sitze, verschwitzt und genervt und frustriert; fest davon überzeugt, dass im Kleiderschrank nichts Anziehbares hängt – das passiert mir häufiger. Das passiert mir sogar, wenn ich ins Kino gehe und weiß, dass ich mich gleich drei Stunden in die Dunkelheit setzen werde. Am Ende greife ich zu meiner Lieblingsjeans, hänge meine Schätzchen wieder in den Schrank und lache drüber. Aber diesmal, ich schwöre es, diesmal steckt eine echte Krise dahinter.

Denn morgen werde ich dreißig. Die wild durcheinandergeworfenen Kleider auf dem Fußboden meines Schlafzimmers werden plötzlich zum Symbol für mein Leben. Chaos. „Willst du das an deinem 30. Geburtstag echt so tragen?“ ist die eine Frage meiner Freundin Victoria beim Outfit-Check, die alles verändert.

Ja, eigentlich hatte ich fest vor, mein knallrotes Diva-Kleid zusammen mit der House of Envy Sweet Kisses zu tragen. Rot ist die Farbe im Herbst und die stylishe Bucket Bag ist das It-Piece, mit dem ich jedes Outfit im Handumdrehen von Basic zu Wow zaubere. Warum sollte ich es also nicht an meinem 30. Geburtstag tragen?

Weil man mit dreißig offenbar seriös zu sein hat. Rote Lackleder-Details, die ich so an der Sweet Kisses Bucket Bag liebe, gehören anscheinend nicht mehr in das Leben einer Ü30-Frau, die das zweite Drittel ihres Lebens betreten hat. Ich darf nicht mehr verspielt sein, denn ich habe nicht mehr zu spielen. Ich muss mir jetzt wohl oder übel die großen Fragen des Lebens stellen, die ich in meinen wilden Zwanzigern noch mit spritzigem Champagner ertränken konnte. Und jetzt ertränken sie mich, so wie ich in dem Kleiderhaufen in meinem Schlafzimmer zu ertrinken drohe.

Die größte Frage, die ich mir bisher gestellt habe, drehte sich ungefähr darum, ob Color Blocking bei meinem Teint wirklich eine gute Idee ist. Und so manches Mal musste ich im Nachhinein feststellen: so nonchalant wie bei der House of Envy Material-Mix-Serie funktioniert es nicht immer. Aber jetzt geht es nicht mehr um meinen Teint. Jetzt geht es darum, dass ich modisch als graue Eminenz zu leben habe, um nicht krampfhaft jugendlich wirken zu wollen.

Kann es sein, dass der Schritt von der selbstbewussten Fashionista zur verzweifelt Junggebliebenen nur eine Sekunde voneinander entfernt ist? Dass man zwischen 23:59 Uhr und 00:00 Uhr von einer starken Single-Powerfrau zur ewig einsamen Katzenlady werden kann? Cupcake ist zwar keine Katze, aber sein tröstendes Wuff hat mir schon so manches Mal über Liebeskummer hinweggeholfen. Was mit zwanzig noch als unabhängig, lebendig und wild gilt, ist mit dreißig einsam, verzweifelt und traurig.

Jetzt soll also die große Ära der Entscheidungen beginnen. Ich bleibe bei Entscheidungen gerne so lose wie mein Bindegewebe von nun an sein wird. Wofür gibt es Shapewear? Sowas gibt es doch bestimmt auch für’s Leben. Falsche Jobentscheidung getroffen? Spanx drüber und schon ist der Fehler weggemogelt.

Gibt es nicht? Na schön. Aber mal ganz im Ernst: wie schlimm kann es werden, wenn man auf sein Herz hört? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ein knallrotes Herz aus Lackleder ziert – genau – meine heißgeliebte Sweet Kisses Bucket Bag. Das Schicksal winkt doch hier gleich mit dem ganzen Zaun. Ich treffe die letzte Entscheidung in meinen Zwanzigern. Natürlich werde ich morgen mein Diva-Kleid gemeinsam mit dieser unerhört verspielten, stylishen Tasche ausführen. Weil ich dreißig werde. 


Eure,

Miss Envy