Donnerstag, 27. April 2017

"Hallo Mama, darf ich vorstellen: Mein One-Night-Stand von letzter Nacht!"

Liebe Ladies,

Eines mal vorweg: Mütter sind einfach die Besten. Weil sie immer wissen, was unser Lieblingsessen ist und es schaffen, dass wir hemmungslos cheaten können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Weil sie finden, dass wir die schönsten Töchter der Welt sind, obwohl wir ungeschminkt und mit Worst Hair Day ever auf dem Sofa sitzen. Und weil sie nie aufhören, uns zu behandeln wie ihre kleinen Prinzessinnen.

Zumindest, wenn wir in das Märchenschloss unserer Kindheit zurückkehren. Dorthin, wo die Suche nach dem Prinzen noch ein lustiges Spiel war und kein Spießrutenlauf mit sozialen Zwängen und familiären Erwartungen. Ich bin gerne Single. Noch lieber wäre ich es, wenn mein Umfeld nicht ständig versuchen würde, mich mit ihren übrig gebliebenen Männer-Resten verkuppeln zu wollen oder mir das leise Ticken meiner inneren Uhr ins Ohr zu pflanzen. Meine Mutter, so sehr ich sie liebe, ist darin auch ganz groß. Ihre Prinzessin braucht einen dauerhaften Prinzen für das Märchenschloss - da ist sie sich sicher.

Ich weiß gar nicht, was sie hat. Ich verliebe mich ständig. Bisher habe ich mich da aber eher an Handtaschen gehalten. Die kamen mir einfach immer unkomplizierter vor. Und außerdem: welcher Mann kann schon so viel (er-)tragen wie mein neuer Shopper? Welcher Mann ist so wandlungsfähig wie meine neue Crossbody Bag? Welcher Mann sieht so stilvoll aus wie meine neue Clutch? Eben. Keiner. Sorry, Mama. Die einzigen Begleiter, die ich auf Familienfeste und Wochenendbesuche schleppe, sind meine Handtaschen. 

Alles andere schleppe ich höchstens nach Hause. Normalerweise so, dass meine Mutter davon nichts mitbekommt. Neulich ließ es sich leider nicht verhindern, dass sie Tom kennenlernen musste, der diesmal kein neues Handtaschenmodell ist. Sondern ein heißer Typ aus dem Club, der gerade dabei war, seine Klamotten in meinem Flur zusammenzusammeln, als sie unerwartet vor der Tür stand. Unser Muttertags-Brunch stand an, der am Abend zuvor nach dem zweiten Sekt etwas in den Hintergrund gerückt ist - und nach dem ersten Blick von Tom sowieso vergessen war. Es bedurfte einiger Milchkaffees, bis die Mischung aus Mitleid und peinlicher Berührung aus den Augen meiner Mutter gewichen ist. Dann aber plauderte sie wie gehabt aus dem Familien-Nähkästchen - und schwärmte nicht zu knapp vom Verlobten meiner Cousine Viktoria. Und fragte natürlich, ob denn jetzt der Tom etwas Ernstes wäre. Da ich nicht einmal seinen Nachnamen wusste, schwieg ich dazu.

Ich fände es toll, wenn man über meine neuen Handtaschen mal so reden würde, wie über Viktorias Verlobten. "Toll, wie ihre House of Envy Wonderland Bucket mit dieser kleinen Kosmetiktasche immer zur Stelle ist, wenn sie mal ihren Lippenstift nachziehen muss!" Das ist nämlich die Unterstützung, die ich wirklich brauche. Einen zuverlässigen Begleiter, der mir in der Not meinen Lippenstift reicht. Der Tom von letzter Nacht hat mir übrigens ein Kompliment für meine praktische Handtasche ausgesprochen, als wir in der Nacht kichernd vor meiner Haustür standen und ich meinen Schlüssel mit einem Handgriff herausgezogen habe. Der weiß, was wichtig ist. Den merke ich mir.

Eure,

Miss Envy